Aleksandra Waliszewska / Der Teufel ist ein Eichhörnchen / Museum Jerke, Recklinghausen, 2.04-6.05.2017

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„Ein Motiv taucht immer wieder in den Bildern von Alexandra Waliszewska auf, die alle ohne einen Titel sind. Das Motiv der Spinne. So zum Beispiel erscheint vor einem schwarzgraugrünen Hintergrund eine junge Frau mit langen blonden Haaren und nackten Oberkörper. Ihr blasser Oberkörper hebt sich von dem dunklen Hintergrund deutlich ab. Ihr Unterkörper dagegen löst sich in der schwarzen Fläche auf, wird zu einer Kugel, von der seitlich je drei spinnenartige, rot schraffierte Beine abgehen. Die Frau ist eine Spinnenfrau, ein Fabelwesen, das seit Jahrtausenden die Phantasie der Menschen beflügelt. So soll der griechischen Legende nach Arachne eine Spinnenfrau mit menschlichem Oberkörper, jedoch mit Beinen wie eine Spinne sein. Sie ist eine begnadete Weberin, was sie hochmütig macht. Das erzürnt Athene, die Göttin des Kampfes und der Weisheit, die Arachne zu einem Wettstreit im Weben auffordert. Arachne gewinnt den Wettstreit und aus Wut über diese Demütigung durch eine Sterbliche zerreist Athene den von Arachne gewebten Teppich. Arachne gerät in Panik und will sich erhängen, doch Athene verwandelt den Strick in einen Spinnennetz und Arachne in eine Spinne, die wie auch alle ihre Nachkommen dazu verurteilt wird, in aller Ewigkeit zu weben. Noch heute heißt Spinne auf Griechisch Arachne.

Die Spinnenfrau ist ein Fabelwesen genauso wie die Spinne selbst. Auch sie taucht in den Bildern von Waliszewska auf. So in einem schwarzweißen Bild. Es zeigt einen am Klavier spielenden Knaben, der mit auf einem Teppich stehenden Klavier mitten in einer Mondlandschaft gelandet zu sein scheint. Rechts hinter einem Felsen kriecht eine schwarze Spinne hervor. Die Stimmung ist bedrohlich. Die Spinne wird bald den nichtsahnenden Klavierspieler in ihre Netze fangen. In seiner Ausweglosigkeit erinnert das Bild an die Erzählung Verwandlung des Prager Schriftstellers Franz Kafka, in der der junge Gregor Samsa über Nacht in ein spinnenartiges Wesen verwandelt wird, das über seine Beine stolpert und sein menschliches Wesen in der Hülle eines Ungeziefers verzweifelt zu verteidigen versucht – erfolglos, er geht zugrunde.

Und schließlich trifft man zwei Spinnen in einem weiteren schwarzweißen Bild von Waliszewska. Ein junges Mädchen, nackt in ihrer Unschuld, wird von allen Seiten von Fabelwesen mit hässlich verzerrten menschlichen Gesichtern bedroht. Ein drachenartiges Wesen nähert sich dem Mädchen doch hinter ihm schreitet entschlossen eine schwarze Spinne. Eine kleinere Spinne liegt zu Füßen des Mädchens, das in Vorahnung des Unglücks seine Augen mit ihrer linken Hand verdeckt. Das Mädchen scheint dem was kommt, dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein. Denn seit uralten Zeiten ist die Spinne, weil sie Netze auslegt, in die sie ihre Opfer fangen kann, das Sinnbild des Gefangenwerdens in unaufhaltsamen Verstrickungen des Schicksals.

Auch ist die Spinne, als eine spezielle Tierart, deren Weibchen nach dem vollzogenen sexuellen Akt ihre männlichen Partner auffressen, mit sexuellen Phantasien geradezu beladen. Sie ist das Sinnbild sexueller Verführung von lebensbedrohenden Folgen. Die Angst vor einer Spinne scheint dem menschlichen Gedächtnis geradezu eingeschrieben zu sein. Keine andere als die US-amerikanische Künstlerin, Louise Bourgeois, brachte mit ihren überdimensionalen in Bronze gegossenen spinnenartigen Gestellen besser diese Angst zum Ausdruck.

Ein weiteres Motiv der Bilder von Waliszewska ist der Reiter, der mit einem schlangeartigen Drachen kämpft. Das Motiv geht ebenfalls auf eine uralte Legende zurück, die von einem Drachen erzählt, der eine Prinzessin in seiner Gewalt hält, aus der sie von einem Ritter befreit wird. Der Drache steht für die sexuelle Gewalt, die Prinzessin für die Unschuld. Das Christentum übernahm diese Legenden und deutete den Drachen als einen Herrscher über das Reich des Unglaubens und daher des Bösen, aus dem der Ritter – in der christlichen Überlieferung der heilige Georg – die Prinzessin in das Reich des christlichen Glaubens rettet. Dabei behielt diese Umwandlung der ursprünglichen Legende in eine christliche ihre sexuelle Verfärbung. Denn es sagt auch – und vielleicht auch deswegen wählten die Urkirchenväter diese Legende aus -, dass es im Reich des Unglaubens eine von Gewalt geprägte ungehemmte Sexualität gebe, welche die Frau zum wehrlosen Opfer mache, während im Reich des Glaubens der Mann zum Retter und Beschützer der Frau werde. Doch in einem ihrer Bilder dreht Waliszewska diese Überlieferung um. Sie malt eine nackte Frau auf dem Boden liegend, die sich einem schlangenartigen Ungeheuer, das aus den Wasserwellen steigt, mit gespreizten Beinen anbietet. Hinter einem Baum beobachtet ein Kind das Geschehen.

Verführung, hemmungslose Sexualität und Unterwerfung sind hier das Thema, genauso wie in der Fabel von der Königstochter Leda, in die sich Zeus verliebt und sich ihr in Gestalt eines Schwanes nähert. Die Darstellung dieses Aktes war bereits in der römischen Zeit ein beliebtes erotisches Motiv in der Kunst; die nackte Leda mit gespreizten Beinen, die den Schwan umklammern. Auch Waliszewska malt eine nackte Frau, doch statt eines Schwans scheint ein Löwe sie zu beglücken, der Hintergrund geht in Flammen auf. So könnte man im Sinne dieser Fabel auch dieses Bild interpretieren. Doch auch hier dreht es die Malerin um; nein, es ist nicht Leda mit ihrem Verführer, sondern zwei Verdammten, die eng umschlugen in der Hölle weinen.

Um Verführung geht es auch in der biblischen Geschichte von Adam und Eva. Die nackte Eva verführt mit ihrem Apfel der Erkenntnis Adam, womit auch und vor allem die sexuelle Verführung gemeint ist. Anschließend, nach diesem „Sündenfall“ werden beide aus dem Paradies vertrieben. Der Mensch wird so zu einem ewig Getriebenen. Schuld daran ist sein sexuelles Verlangen. Auch diese Fabel dreht Waliszewska um. Sie malt einen Apfelbaum. Rechts neben dem Baum steht ein nacktes Mädchen. Nicht mit einem Apfel, aber mit ihrem nackten noch unreifen Körper versucht es den knienden Mann links neben dem Baum zu verführen. Doch er scheint sich kaum für den Körper des Mädchen zu interessieren, nachdenklich blick er den Boden an. Ein Gelehrter könnte er sein, sein Gesicht erinnert an das des deutschen Reformators Martin Luther. Doch was ist mit seinem Unterkörper passiert? Er hat sich ähnlich einer Meerjungfrau in die Form eines Fisches verwandelt. Wie soll, wie kann man dieses Bild deuten?

Menschen, deren Unterkörper die Form eines Fisches annehmen, Frauen, die statt eines Unterkörpers Spinnenbeine haben, Bäume, die sprechen, weil sie verwandelte Menschen sind, Götter, die zu sterblichen Menschen oder auch zu Tieren werden, das sind Fabelwesen, die zur Strafe oder zu ihrem eigenen Schutz einer Verwandlung, einer Metamorphose unterzogen worden sind. Solche Fabelwesen bevölkern die Erzählungen des römischen Dichters des ersten Jahrhunderts, Ovid, die den Titel Metamorphosen haben. Sie stammen aus einer Zeit als im Denken des Menschen es zwischen Göttern, Menschen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen, aber auch zwischen der Einbildung und dem Realen, dem Glauben und der Erkenntnis keine Grenze gab, als alles mit allem zusammenzuhängen schien und alles immer auch ein Teil seines Gegensatzes war.

Das änderte sich spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als der deutsche Philosoph Emmanuel Kant das Verhältnis zwischen dem Menschen, den er zum erkennenden Subjekt erklärte, und der übrigen Welt, die er als das zu erkennende Objekt verstand, hierarchisch zu ordnen begann. In diesem Verhältnis grenzt sich das erkennende Subjekt von der übrigen Welt ab. Die Grenzen werden klar gezogen und es gibt keine Übergänge mehr zwischen dem Reich der Götter, der Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der Gegenstände. Der Mensch als erkennendes Subjekt wird der übrigen Welt übergeordnet und die Erkenntnis hängt ausschließlich von der Erfahrung des Menschen ab. Seine Erfahrung wird als der Welt der Kultur zugehörig verstanden und der Welt der Natur gegenübergestellt. In der Folgezeit werden dann diese beiden Welten, die der Kultur und die der Natur vollständig voneinander getrennt. So dass der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour dieses Streben nach Trennung in seinem Buch Wir sind nie modern gewesen für das eigentliche Merkmal der Moderne hält.

Inzwischen aber melden sich einige Stimmen, die angeregt durch Latours Kritik, das von Kant überlieferte hierarchisch vertikale Verhältnis zwischen Kultur und Natur und die daraus resultierende vollständige Trennung zwischen der Welt der Götter, der Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der Gegenstände in Frage stellen. So treten einige Denker des sogenannten spekulativen Materialismus wie Graham Harman oder Quentin Meillassoux gegen diese Trennung auf und setzen sich für eine Gegenseitigkeit ein, in der das erkennende Subjekt – der Mensch – keine übergeordnete Rolle mehr spielt, vielmehr wieder zu einem Teil dieser Welt wird und in der daher wieder hybride Objekte und Wesen – halb Frau/halb Spinne – vorkommen. Die Bilder von Waliszewska, in denen Spinnenfrauen, Tiere mit menschlichen Antlitz und umgekehrt Menschen mit Körper eines Tieres auftreten, sind Beispiele einer Überwindung dieser künstlich – wie diese Denker glauben – herbeigeführten Trennung zwischen Gott, Mensch, Tier, Pflanzen und Gegenstand, und der daraus resultierenden – und wie sich heute immer mehr zeigt – vergeblichen Trennung zwischen Wissen und Glauben, zwischen Einbildung und Wirklichkeit, zwischen Traum und Wirklichkeit. Dass diese Welten kaum voneinander zu trennen sind, haben uns schon immer die Phantasie, der Traum und die mit Bildern behaftete Zustände der Angst, der Sehnsucht und des Verlangen vorgeführt. Sie waren es und sie sind es, die schon immer der Kunst als Quelle gedient haben.

So könnte man weiter in Verbindung mit den Bildern von Waliszewska über den Teufel, der mit seinem Fuß ein junges Mädchen in die Erde drückt, über die tanzenden Skelette beim Vollmond, die auf die mittelalterlichen Totentänze erinnern, oder über den jungen Prinz mit Pagenkopf, der in der Macht eines Ungeheuers gefangen zu sein scheint. Sie alle sind Fabelwesen. Doch was ist eine Fabel? Der schon erwähnte Reformator, Martin Luther, der selbst sich auf die Überzeugungskraft der Fabel in seinen Schriften verließ, sprach von im „lustigen Lügenkostüm verbreiten Wahrheiten“, die die Menschen normalerweise nicht hören wollen.

So irgendwie funktionieren auch die Bilder von Waliszewska: Es sind Schauplätze, auf denen uralte Fabeln auf Gegenwart treffen. Fabelwesen wie die Spinnenfrau, der Drache oder die alttestamentarische Eva, die Adam verführt, treten in diesen Szenarien auf, die in der Tradition des spanischen Malers des ausgehenden 18. Jahrhunderts, Francisco Goya, Bilder schaffen, welche die Ungeheuerlichkeit menschlicher Phantasie offenbaren. Einer Phantasie, die von Ängsten, Gewalt und sexuellen Begehren getrieben wird. Das sexuelle Begehren, das zwischen Unschuld und Verführung, Sehnsucht und Gewalt, Leben und Tod oszilliert, ist in den Bildern von Waliszewska fast immer gegenwärtig. Das macht diese Bilder tragisch und komisch, expressiv und illustrativ, hinterhältig und naiv, tiefgründig und banal gleichzeitig – das macht sie real wie das Leben selbst.”

Kuratorka: Noemi Smolik